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Tschernobyl2

Bei den RBMK-Reaktoren handelt es sich um eine Reaktorlinie, die entwickelt wurde, um ursprĂŒnglich nicht nur Strom, sondern auch Plutonium fĂŒr militĂ€rische Zwecke zu gewinnen. Im Vergleich zu deutschen Kernkraftwerken weist die Konzeption dieser Reaktoren einen schwerwiegenden Nachteile. Die RBMK-Reaktoren sind nicht inhĂ€rent sicher, wie es bei den wassergekĂŒhlten und –moderierten Reaktoren aufgrund physikalischer Naturgesetze der Fall ist. Das heißt, dass ein Druck- bzw. Siedewasserreaktor gar nicht so explodieren kann, wie der Reaktor in Tschernobyl. Zudem haben die russischen Reaktoren keine druck- und gasdichte HĂŒlle (Containment).

Der Unfall ereignete sich wĂ€hrend eines Tests, bei dem geprĂŒft werden sollte, ob man bei einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine noch ĂŒbergangsweise zur Stromerzeugung nutzen kann, bis die Notstromaggregate hochgelaufen sind. Etwa eine Minute nach Testbeginn gab es im Reaktor einen nicht mehr zu kontrollierenden Leistungsanstieg. Der Druck im Reaktorraum stieg aufgrund der Hitze und durch Wasserdampfexplosionen so stark an, dass die obere ca. 1000 Tonnen schwere Reaktorabdeckplatte angehoben und der obere Teil des 64 Meter hohen Reaktors zerstört wurde. Augenzeugen außerhalb des Reaktors beobachteten zu diesem Zeitpunkt zwei Explosionen mit Materialauswurf. Die Anlage wurde stark beschĂ€digt. Die Feuerwehrleute und die Hilfsmannschaften mussten mangels Erfahrung mit derartigen UnfĂ€llen improvisieren. Durch Wassereinspeisung, Abwurf verschiedener Materialien aus MilitĂ€rhubschraubern und Einblasen von Stickstoff gelang es, die Freisetzung der radioaktiven Schadstoffe allmĂ€hlich zu verringern. Aus der Region um den havarierten Reaktor wurden in den ersten Tagen ĂŒber 100.000 Menschen evakuiert.

Es gilt heute als sicher, dass die den Leistungszuwachs auslösende ReaktivitÀtszufuhr durch das Einfahren der Abschalt- und RegelstÀbe hevorgerufen wurde. Denn die RegelstÀbe des RBMK-Reaktortyps reduzieren aufgrund ihrer fehlerhaften Konstruktion beim Einfahren aus dem völlig gezogenen Zustand die ReaktivitÀt nicht, sondern erhöhen sie zunÀchst.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl liegt im weißrussisch-ukrainischen Waldgebiet am Ufer des Flusses Prepjet (auch Pripyat geschrieben), der in den Dnjepr mĂŒndet. Der GelĂ€ndeverlauf ist meist flach. Die Bevölkerungsdichte ist in dieser Region mit durchschnittlich rund 70 Einwohnern pro km2 im Vergleich zu mitteleuropĂ€ischen LĂ€ndern relativ gering. Am Standort des Kernkraftwerks Tschernobyl waren 1986 vier RBMK-1000-Blöcke in Betrieb, zwei weitere in Bau.

Den Test fĂŒhrte die Betriebsmannschaft ohne Erlaubnis der zustĂ€ndigen Behörden durch. Um bei einem möglichen Scheitern des ersten Versuchs eine sofortige Wiederholung zu ermöglichen, wurde der Test durchgefĂŒhrt, wĂ€hrend der Reaktor noch in Betrieb blieb, was massiv gegen die Betriebsvorschriften verstieß. Die Versuchsanordnung alleine hĂ€tte den Unfall nicht herbeifĂŒhren können, doch kamen ungĂŒnstige reaktorphysikalische und sicherheitstechnische Eigenschaften der RBMK-Reaktoren sowie Bedienungsfehler hinzu.

WĂ€hrend des Tests wurde zur Erfassung von elektrischen GrĂ¶ĂŸen des geplanten Versuchs eine betrĂ€chtliche Anzahl von Dokumentations-KanĂ€len verwendet, auf denen sonst Betriebswerte (wie beispielsweise die Reaktorleistung) aufgezeichnet werden. Die fehlenden Werte erschwerten spĂ€ter die Ermittlung von Unfallablauf und -ursachen.

Der zeitliche Ablauf des Unfallgeschehens (Ortszeit):

    Freitag, 25. April 1986:
    01.00 Uhr: Der Reaktor wird zur jĂ€hrlichen Revision und fĂŒr den geplanten Versuch von voller Leistung ”abgefahren”, d.h. die Reaktorleistung wird systematisch reduziert.

    13.05 Uhr: Etwa 50 % Reaktorleistung werden erreicht. Eine der beiden Turbinen wird abgeschaltet.

    14.00 Uhr: Das NotkĂŒhlsystem wird isoliert. (Diese Maßnahme war in der Testprozedur vorgesehen. Man wollte vermeiden, dass bei NotkĂŒhlsignalen Wasser zur KĂŒhlung eingespeist wĂŒrde!) Zwischenzeitlich verlangt der Lastverteiler im ukrainischen Kiew den Weiterbetrieb mit einer Turbine, da im ElektrizitĂ€tsnetz entsprechender Bedarf besteht. Das Betriebspersonal vergisst, die NotkĂŒhlsysteme wieder zu aktivieren!

    23.10 Uhr: Nachdem der Strombedarf gedeckt ist, wird mit dem weiteren Abfahren des Reaktors begonnen, mit dem Ziel, eine Leistung von rund 25 % zu erreichen.

    Samstag, 26. April 1986:

    00.28 Uhr: Beim Abfahren fĂ€llt aufgrund einer Fehlhandlung die Leistung des Reaktors auf unter 1% der Nennleistung. (Da ein Leistungsbetrieb unter 20 % nicht zulĂ€ssig war, hĂ€tte der Reaktor abgeschaltet und der Versuch abgebrochen werden mĂŒssen!) Statt dessen wurde die Leistung wieder angehoben, um den Versuch durchzufĂŒhren. Durch Ausfahren der RegelstĂ€be gelingt es, die Reaktorleistung auf etwa 7 % anzuheben.

    00.43 Uhr: Etwa 40 Minuten vor Versuchsbeginn wird ein wichtiges Signal, welches bei Einleitung des Versuchs zu einer automatischen Notabschaltung des Reaktors gefĂŒhrt hĂ€tte, unwirksam gemacht (!!!), um den Versuch eventuell wiederholen zu können.

    01.00 Uhr: Dem Operateur gelingt es, den Reaktor auf ca. 7 % der Nennleistung zu stabilisieren. (In diesem Leistungsbereich hĂ€tte der Reaktor nicht betrieben werden dĂŒrfen. FĂŒr den weiteren Ablauf von großer Bedeutung ist, dass der notwendige Spielraum zur Abschaltung des Reaktors wegen der vielen ausgefahrenen RegelstĂ€be nicht mehr vorhanden war.

    01.03 Uhr: Jedem KĂŒhlkreislauf werden gemĂ€ĂŸ Versuchsablauf die vier zugehörigen Pumpen zugeschaltet. Dadurch werden zur Stabilisierung der Leistung die RegelstĂ€be noch weiter herausgefahren. Die ReaktivitĂ€tsreserve sinkt weiter. Druck und Wasserspiegel in den relevanten Reaktorkomponenten schwanken heftig, die Anlage befindet sich in einem Ă€ußerst instabilen Zustand.

    01.19 Uhr: Der Operateur erhöht die Wasserzufuhr und ĂŒberbrĂŒckt Warnsignale zum Stand von ”Wasserspiegel” und ”Druck”, die zu einer Abschaltung gefĂŒhrt hĂ€tten. (Diese Vorgehensweise war laut Betriebsanleitung damals nicht verboten!)

    01.22 Uhr: Durch verschiedene Maßnahmen erreicht der Operateur, dass die Wasserzufuhr wieder auf zwei Drittel des notwendigen Wertes ansteigt. Die Regelung gestaltet sich sehr schwierig, da das Regelsystem nicht fĂŒr derartige kleine DurchsĂ€tze ausgelegt ist. Kurze Zeit spĂ€ter stabilisiert sich die Wasserzufuhr. (Dennoch wĂ€re zu diesem Zeitpunkt wegen der fehlenden ReaktivitĂ€tsreserve und der vielen ausgefahrenen RegelstĂ€be das sofortige Abschalten des Reaktors erforderlich gewesen.)

    01.23 Uhr: Der vorgesehene Test beginnt mit dem Schließen der Turbinenschnellschlußventile. Durch den steigenden Druck wird eine Gruppe der automatischen RegelstĂ€be ausgefahren. Die Verringerung des Durchsatzes und die ErwĂ€rmung des Wasser verursachen eine positive ReaktivitĂ€tszufuhr, die man dadurch zu kompensieren versucht, dass man zwei (von insgesamt drei) Gruppen der automatischen RegelstĂ€be wieder einfĂ€hrt.

Etwa 30 Sekunden nach Testbeginn steigt die Leistung weiter an. Das automatische Regelsystem kann die Leistungssteigerung nicht verhindern. 36 Sekunden nach Testbeginn gibt der Schichtleiter den Auftrag, den Reaktor abzuschalten. Der Notschalter wird betĂ€tigt. Sekunden spĂ€ter erfolgen Alarmmeldungen ĂŒber hohe Reaktorleistung und unkontrolliertem Leistungsanstieg. Innerhalb von rund vier Sekunden schaukelt sich die Energieabgabe auf nahezu das 100fache der Nennleistung des Reaktors auf. Das Schnellabschaltsystem der SteuerstĂ€be dagegen benötigt fĂŒr das Wirksamwerden 18-20 Sekunden.

Außerhalb des ReaktorgebĂ€udes werden zu diesem Zeitpunkt von Augenzeugen zwei Explosionen mit Materialauswurf beobachtet. Sie erfolgen im Abstand von 2 bis 3 Sekunden und fĂŒhren zu starken BeschĂ€digungen am GebĂ€ude. Die Blöcke 1 und 2 lĂ€sst man weiter in Betrieb und schaltet sie erst am 27. April ab.

WeitrÀumige Kontamination und Strahlenexposition

Aus dem beschĂ€digten Reaktor wurden in den ersten zehn Tagen nach dem Unfall große Mengen an radioaktiven Stoffen freigesetzt. Durch den Auftrieb gelangten sie in Höhen ĂŒber 1.500 m und wurden großflĂ€chig verteilt. Aufgrund der damals bestehenden WetterverhĂ€ltnisse nahm die radioaktive Wolke verschiedene Richtungen. Besonders betroffen waren die Ukraine, Weißrußland und Rußland. Außerhalb der damaligen UdSSR wurden insbesondere Gebiete in Skandinavien, Deutschland und Teilen des Balkans belastet.

Die grĂ¶ĂŸten Strahlenbelastungen erlitten in den ersten Wochen nach dem Unfall Feuerwehrleute, Betriebsmannschaften und sog. ”Liquidatoren”, von denen ĂŒber 600.000 eingesetzt wurden. Die besonders stark belastete Region um Tschernobyl wurde im Umkreis von 30 km in drei behördlich kontrollierte Zonen aufgeteilt. FĂŒr die Gebiete, die zwischen 30 und 500 km von Tschernobyl entfernt liegen, entwickelten die örtlichen Behörden ein Schutzkonzept fĂŒr die betroffene Bevölkerung.

Welche Folgen die Strahlenbelastungen fĂŒr die ”Liquidatoren” und die besonders betroffenen Teile der Bevölkerung haben werden, ist schwer abzuschĂ€tzen, da auftretende Krankheiten hĂ€ufig auch auf unzureichende medizinische Versorgung und die ErnĂ€hrungssituation zurĂŒckzufĂŒhren sind. Fest steht, dass die SchilddrĂŒsenbelastungen mehrerer tausend ”Tschernobyl-Kinder” in den ersten Tagen nach dem Unfall viel zu niedrig eingeschĂ€tzt wurden.

Über die Zahl der Todesopfer aus dem Unfall insgesamt werden sehr unterschiedliche Angaben gemacht. Sachliche Ermittlungen hierzu wurden hĂ€ufig von meist unsinnigen Zahlenangaben aufgrund von ”SchĂ€tzungen” oder ”BefĂŒrchtungen” ĂŒberdeckt.

Der Transport freigesetzter Schadstoffe wird durch die Strömungen bestimmt, die sich aus der großrĂ€umigen Luftdruckverteilung, den WindverhĂ€ltnissen und den NiederschlĂ€gen ergeben. In den ersten Tagen wehte der Wind in Richtung Norden und Nordwest. Am 30. April schwenkte die Windrichtung nach SĂŒden und Osten. In der Zeit vom 26. April bis zum 30. Mai fiel in der Unfallregion kein starker Niederschlag, da Regenwolken, die sich in diese Richtung bewegten, kĂŒnstlich vorzeitig abgeregnet wurden. Insgesamt ergab sich dadurch eine komplexe Situation des atmosphĂ€rischen Transports der radioaktiven Stoffe und ihrer Ablagerung am Boden.

Erhebliche Strahlenbelastung der sog. ”Liquidatoren”

Es ist offenkundig, dass die Mitglieder der Betriebsmannschaften und die Feuerwehrleute, die sich zum Zeitpunkt des Unfalls bzw. unmittelbar danach im Reaktorblock aufhielten, die grĂ¶ĂŸten Strahlenbelastungen erhielten. Insgesamt wurden ĂŒber 600.000 sog. ”Liquidatoren” eingesetzt, darunter etwa 300.000 Armeeangehörige. Von diesem Personenkreis erhielten etwa 900 in den ersten Wochen nach dem Unfall, bei den AufrĂ€umungs- und Dekontaminierungsarbeiten Strahlenbelastungen oberhalb des offiziellen behördlichen Richtwertes von damals 500 mSv. Insbesondere die Mitglieder der Betriebsmannschaft und die Feuerwehrleute erlitten bei dem Unfall schwere, zum Teil tödliche StrahlenschĂ€den. Im April 1995 veröffentlichte der ukrainische Gesundheitsminister Serdjuk eine Statistik, wonach seit dem Unfall 6.000 der ”Liquidatoren” an den Strahlenfolgen verstorben seien. Eine ÜberprĂŒfung dieser AbschĂ€tzung erwies sich als schwierig, da weder die Gesamtzahl der ”Liquidatoren” in der Ukraine noch ihre Altersverteilung bekannt sind. Ob die angegebene Zahl ĂŒber der normalerweise zu erwartenden Sterberate liegt, ist daher ungewiss. Es gibt aber Hinweise - vor allem aus Russland - dass aufgrund großer psychischer Belastungen Selbstmorde unter den ”Liquidatoren” hĂ€ufiger wurden. Wenn solche zusĂ€tzlichen TodesfĂ€lle auch nicht direkt durch Strahlung verursacht wurden, so sind sie doch dem großen Umfang der Folgen des ReaktorunglĂŒcks mit seinen Auswirkungen auf die Lebensbedingungen zuzuschreiben.

Unterstellt man zum Vergleich deutsche Sterbestatistiken, dann ergibt sich fĂŒr eine Gruppe von 600.000 MĂ€nnern im Alter zwischen 25 und 35 Jahren eine Zahl von 7.680 SterbefĂ€llen.

Folgen fĂŒr die Bevölkerung

Von der Strahlenbelastung her gesehen war und ist die großflĂ€chige CĂ€sium-kontamination das Hauptproblem. Jod spielte wegen des relativ schnellen Zerfalls nur in den ersten Wochen eine Rolle, Strontium wurde in sehr viel geringerem Umfang freigesetzt und hauptsĂ€chlich in der nĂ€heren Umgebung abgelagert.

Eine FlĂ€che von mehr als 10.000 km2 , die sich ĂŒber weite Teile der Ukraine, Russlands und Weißrusslands erstreckt, wurde mit mehr als 550 kBq/m2 CĂ€sium - teilweise sogar mit mehr als 1.500 kBq/m2 - schwer belastet. 21.000 km2 weisen CĂ€siumkontaminationen zwischen 150 und 550 kBq/m2 auf. Aus den am stĂ€rksten belasteten Gebieten sind bis heute weitere 80.000 Menschen evakuiert worden, und es ist unklar, wie viele noch folgen werden.

Die Behörden erklĂ€rten alle Gebiete mit einer CĂ€siumkontamination zwischen 550 und 1.500 kBq/m2 zu Zonen stĂ€ndiger Kontrolle. In diesen ist u.a. der Verbrauch von landwirtschaftlichen Produkten aus dieser Zone eingeschrĂ€nkt. Zonen ĂŒber 1.500 kBq/m2 dĂŒrfen auf Dauer nicht bewohnt werden.

Anfang 1995 lebten in diesen beiden Zonen noch etwa 270.000 Personen, ein Drittel davon Kinder. 2,2 Mio. Menschen in Weißrußland und etwa 1,5 Mio. in der Ukraine leben in Gebieten mit mehr als 40 kBq/m2 , der sog. ”Zone gelegentlicher Kontrollen”.

Die Strahlenbelastung der etwa 45.000 Bewohner von Pripyat betrug nach sowjetischen SchĂ€tzungen durchschnittlich etwa 30 mSv, bei den ”Liquidatoren” etwa 100 mSv. Die 24.000 erst spĂ€ter evakuierten Menschen aus dem 15 km-Radius um den Reaktor dĂŒrften allerdings eine mittlere Dosis von etwa 450 mSv erhalten haben. In der weiteren Umgebung des Reaktors, zwischen 15 km und der Grenze der jetzigen 30 km-Sperrzone, soll die Strahlenbelastung damals bei etwa 50 mSv gelegen haben.

Bewertung der Strahlenbelastungen

Die Strahlenbelastungen durch den Unfall waren in der 30 km-Zone nach EinschĂ€tzung westlicher Strahlenmediziner insgesamt nicht so hoch, um akute SchĂ€den auszulösen. Strahlenbedingte akute und chronische SchĂ€den (Haarausfall, SchĂ€den des Immunsystems und des Blutbildes sowie Mißbildungen) traten allerdings besonders bei den 24.000 erst spĂ€ter evakuierten Personen aus dem 15 km-Radius und bei den ”Liquidatoren” auf, bei denen die Belastung ĂŒber den angegebenen Mittelwerten lag.

Über Medien verbreitete Meldungen, die bereits heute zunehmende bösartige Krebsneubildungen bei diesen Personengruppen aufzeigen, sind weitgehend spekulativ und können derzeit allenfalls bei LeukĂ€mie (besonders bei Kindern) und im Sonderfall bei SchilddrĂŒsenkrebs bei Kindern zutreffen. In allen anderen FĂ€llen sind derartige Effekte eher damit zu erklĂ€ren, daß man erst nach dem Unfall und insbesondere in den betroffenen Gebieten mit einer brauchbaren Krebsstatistik begann, wĂ€hrend vor dem Unfall Krebs als Todesursache in vielen FĂ€llen ĂŒberhaupt nicht registriert wurde. FĂŒr konkrete Erkenntnisse fehlt also eine zuverlĂ€ssige Vergleichsgrundlage.

Nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Strahlenmediziner ist es unter diesen Randbedingungen zweifelhaft, ob Krebs und LeukĂ€mie in diesem Personenkreis in Zukunft ĂŒberhaupt statistisch erfaßbar sein werden. Eine solche Erhöhung wĂ€re fĂŒr alle Krebsarten (außer LeukĂ€mie) wegen der langen Latenzzeiten frĂŒhestens nach dem Jahr 2000 feststellbar.

FĂŒr die Umsiedlung oder den Verbleib der ĂŒber 270.000 Menschen in den zwischen 30 km und teilweise ĂŒber 500 km von Tschernobyl entfernt liegenden Zonen haben die Behörden ein ”350 mSv-Konzept” aufgestellt. Durch administrative Maßnahmen soll die Strahlenbelastung der Bevölkerung so begrenzt werden, daß diese wĂ€hrend der gesamten Lebenszeit den Wert von 350 mSv nicht ĂŒberschreitet. Da CĂ€sium in erheblichem Umfang zur Ă€ußeren Strahlenbelastung beitrĂ€gt, fĂŒhrt das fĂŒr die Bevölkerung auch zu AufenthaltsbeschrĂ€nkungen im Freien. Nach Berechnung der Vereinten Nationen kann dieses Konzept in den Zonen stĂ€ndiger Kontrolle voraussichtlich eingehalten werden. Neueste RisikoschĂ€tzungen gehen davon aus, daß die Belastung von 350 mSv das derzeitige Krebsrisiko in der betroffenen Bevölkerung zusĂ€tzlich um etwa 2% erhöht.

In den Zonen stĂ€ndiger Kontrolle stellte man einen Anstieg der Missbildungsrate und der Zahl an Erkrankungen fest, die - nach heutigem Kenntnisstand der Medizin - nicht durch die Strahlung verursacht wurden. Dazu zĂ€hlen Krankheiten wie Bluthochdruck, HerzkranzgefĂ€ĂŸerkrankungen, Diabetis, Nervenkrankheiten, chronische Erkrankungen der Atemwege und des Im-munsystems und besonders bei Kindern EntzĂŒndungen des Mund-Rachen-und Nasenbereichs sowie der Augen. Angesichts der durchgefĂŒhrten Ganz-körpermessungen an den betroffenen Personen, die relativ niedrige erhaltene Belastungen von 50 bis 100 mSv bestĂ€tigten, kann die Strahlenbelastung nicht die Ursache dieser Erkrankungen sein. Ihr Zusammenhang mit dem Unfall ist jedoch unzweifelhaft. Die Ursachen fĂŒr den Anstieg der Erkrankungs-und Sterblichkeitsrate sehen die Mediziner in einseitiger, vitaminarmer ErnĂ€hrung mangels ausreichender Versorgung mit nicht kontaminierten Le-bensmitteln, vor allem aber in starkem psychischem und sozialem Streß.

Man kennt die Auswirkungen von Angst, Unsicherheit und Verzweiflung auf die Gesundheit auch von anderen, nichtnuklearen Katastrophen. Fehlende und unglaubwĂŒrdige Informationen ĂŒber die Situation, das GefĂŒhl, von den Behörden im Stich gelassen zu werden, das fehlende Vertrauen in die Kontrolle und damit letztlich in die DurchfĂŒhrbarkeit und die Wirksamkeit der angeordneten Maßnahmen sowie die zahlreichen EinschrĂ€nkungen im tĂ€glichen Leben (beispielsweise sind die Kinder weitgehend in Wohnungen eingesperrt) werten die Mediziner als wesentliche Auslöser dieser Ängste und als Basis dieser Krankheiten. Es wird befĂŒrchtet, daß die psychosozialen Folgen des Unfalls, die bislang von den Behörden viel zu wenig beachtet wurden, unter UmstĂ€nden mehr Opfer fordern als die eigentlichen Strahlenbelastungen.

Ein Sonderfall sind Kinder mit erhöhten Raten an SchilddrĂŒsenkrebs aus der nĂ€heren und weiteren Umgebung des Reaktors. Wahrscheinlich wegen lĂŒckenhafter, unsicherer und teilweise auch falscher Messungen der Jodemissionen in den ersten Tagen nach dem Unfall ist bei mehreren tausend Kindern die SchilddrĂŒsenbelastung viel zu niedrig geschĂ€tzt worden. Die Strahlung wird bei diesen Kindern als wesentliche Ursache fĂŒr die starke Erhöhung der Zahl der SchilddrĂŒsenkrebsfĂ€lle angesehen. Der SchilddrĂŒsenkrebs zĂ€hlt zu den einigermaßen behandelbaren Krebsformen. Die langfristige Heilungsquote liegt bei 90 bis 95 % und selbst im SpĂ€tstadium noch bei 80 %.

Falschmeldungen ĂŒber Strahlentote in der Ukraine

FĂŒr die Beurteilung der Folgen des Unfalls mĂŒssen den oft völlig abwegigen Zahlenangaben einzelner Massenmedien die bisher bekannten Fakten gegenĂŒbergestellt werden. Das Spektrum reicht von offensichtlich unsinnigen ”SchĂ€tzungen” oder ”BefĂŒrchtungen” von Opfern im Millionenbereich bis hin zu der von den sowjetischen Behörden nach dem Unfall angegebenen offiziellen Zahl von 31 Opfern, darunter 26 Strahlentoten. Zu den Motiven fĂŒr abwegige Zahlenangaben gehören u.a. Bestrebungen, möglichst viel internationale Hilfe in die betroffenen Gebiete zu lenken; Dienstleistungen, GerĂ€te und Studien zu verkaufen sowie Hochrechnungen auf der Basis fragwĂŒrdiger Hypothesen ĂŒber die Wirkungen sehr kleiner Strahlendosen. HĂ€ufig entstehen sie aber auch durch einfache Unwissenheit, sicher nicht selten auch durch das ”Nachplappern von Falschmeldungen in Massenmedien". In einer Strahlenschutzzeitschrift wurde kĂŒrzlich als ”Kompromiß” zwischen den unterschiedlichen Angaben eine Zahl von 20.000 ”vorgeschlagen”.

Westliche Mediziner legten folgenden Vergleich vor: In der Bundesrepublik ist die Sterberate etwas höher als 1 % pro Jahr. Nimmt man fĂŒr die wahrscheinlich etwas jĂŒngere Bevölkerung der Ukraine die geringere Sterberate von etwa 0,9 % an, so kann man erwarten, daß in der Zeit von 1988 bis 1994 jĂ€hrlich etwa 20.000 TodesfĂ€lle, insgesamt also 140.000 zu erwarten sind. Die vom ukrainischen Gesundheitsministeriums angegebene Zahl von 125.000 kann also nicht als Hinweis auf erhöhte Sterblichkeit durch Strahlenbelastung angesehen werden. Einer der fĂŒhrenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet, der MĂŒnchner Strahlenbiologe Prof. Dr. A. M. Kellerer, bemerkte hierzu: ”Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind - auch ohne die behaupteten Erhöhungen der Krebsraten - schlimm genug, man kann ihnen nur mit nĂŒchternem Urteil begegnen.”