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Bei den RBMK-Reaktoren handelt es sich um eine Reaktorlinie, die entwickelt wurde, um urspr nglich nicht nur Strom, sondern auch Plutonium für militärische Zwecke zu gewinnen. Im Vergleich zu deutschen Kernkraftwerken weist die Konzeption dieser Reaktoren einen schwerwiegenden Nachteile. Die RBMK-Reaktoren sind nicht inhärent sicher, wie es bei den wassergekühlten und –moderierten Reaktoren aufgrund physikalischer Naturgesetze der Fall ist. Das heißt, dass ein Druck- bzw. Siedewasserreaktor gar nicht so explodieren kann, wie der Reaktor in Tschernobyl. Zudem haben die russischen Reaktoren keine druck- und gasdichte Hülle (Containment).
Der Unfall ereignete sich während eines Tests, bei dem geprüft werden sollte, ob man bei einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine noch übergangsweise zur Stromerzeugung nutzen kann, bis die Notstromaggregate hochgelaufen sind. Etwa eine Minute nach Testbeginn gab es im Reaktor einen nicht mehr zu kontrollierenden Leistungsanstieg. Der Druck im Reaktorraum stieg aufgrund der Hitze und durch Wasserdampfexplosionen so stark an, dass die obere ca. 1000 Tonnen schwere Reaktorabdeckplatte angehoben und der obere Teil des 64 Meter hohen Reaktors zerstört wurde. Augenzeugen außerhalb des Reaktors beobachteten zu diesem Zeitpunkt zwei Explosionen mit Materialauswurf. Die Anlage wurde stark beschädigt. Die Feuerwehrleute und die Hilfsmannschaften mussten mangels Erfahrung mit derartigen Unfällen improvisieren. Durch Wassereinspeisung, Abwurf verschiedener Materialien aus Militärhubschraubern und Einblasen von Stickstoff gelang es, die Freisetzung der radioaktiven Schadstoffe allmählich zu verringern. Aus der Region um den havarierten Reaktor wurden in den ersten Tagen über 100.000 Menschen evakuiert.Es gilt heute als sicher, dass die den Leistungszuwachs auslösende Reaktivitätszufuhr durch das Einfahren der Abschalt- und Regelstäbe hevorgerufen wurde. Denn die Regelstäbe des RBMK-Reaktortyps reduzieren aufgrund ihrer fehlerhaften Konstruktion beim Einfahren aus dem völlig gezogenen Zustand die Reaktivität nicht, sondern erhöhen sie zunächst.Das Kernkraftwerk Tschernobyl liegt im weißrussisch-ukrainischen Waldgebiet am Ufer des Flusses Prepjet (auch Pripyat geschrieben), der in den Dnjepr mündet. Der Geländeverlauf ist meist flach. Die Bevölkerungsdichte ist in dieser Region mit durchschnittlich rund 70 Einwohnern pro km2 im Vergleich zu mitteleuropäischen Ländern relativ gering. Am Standort des Kernkraftwerks Tschernobyl waren 1986 vier RBMK-1000-Blöcke in Betrieb, zwei weitere in Bau. Den Test führte die Betriebsmannschaft ohne Erlaubnis der zuständigen Behörden durch. Um bei einem möglichen Scheitern des ersten Versuchs eine sofortige Wiederholung zu ermöglichen, wurde der Test durchgeführt, während der Reaktor noch in Betrieb blieb, was massiv gegen die Betriebsvorschriften verstieß. Die Versuchsanordnung alleine hätte den Unfall nicht herbeiführen können, doch kamen ungünstige reaktorphysikalische und sicherheitstechnische Eigenschaften der RBMK-Reaktoren sowie Bedienungsfehler hinzu.Während des Tests wurde zur Erfassung von elektrischen Größen des geplanten Versuchs eine beträchtliche Anzahl von Dokumentations-Kanälen verwendet, auf denen sonst Betriebswerte (wie beispielsweise die Reaktorleistung) aufgezeichnet werden. Die fehlenden Werte erschwerten später die Ermittlung von Unfallablauf und -ursachen. Der zeitliche Ablauf des Unfallgeschehens (Ortszeit):
Freitag, 25. April 1986:
01.00 Uhr: Der Reaktor wird zur jährlichen Revision und für den geplanten Versuch von voller Leistung ”abgefahren”, d.h.
die Reaktorleistung wird systematisch reduziert.13.05 Uhr: Etwa 50 % Reaktorleistung werden erreicht. Eine der beiden Turbinen wird abgeschaltet.14.00 Uhr: Das Notkühlsystem wird isoliert. (Diese Maßnahme war in der Testprozedur vorgesehen. Man wollte vermeiden, dass bei Notkühlsignalen Wasser
zur Kühlung eingespeist würde!) Zwischenzeitlich verlangt der Lastverteiler im ukrainischen Kiew den Weiterbetrieb mit einer Turbine, da im Elektrizitätsnetz entsprechender Bedarf besteht. Das
Betriebspersonal vergisst, die Notkühlsysteme wieder zu aktivieren!23.10 Uhr: Nachdem der Strombedarf gedeckt ist, wird mit dem weiteren Abfahren des Reaktors begonnen, mit dem Ziel, eine Leistung von rund 25 % zu
erreichen.Samstag, 26. April 1986:00.28 Uhr: Beim Abfahren fällt aufgrund einer Fehlhandlung die Leistung des Reaktors auf unter 1% der Nennleistung. (Da ein Leistungsbetrieb unter 20 %
nicht zulässig war, hätte der Reaktor abgeschaltet und der Versuch abgebrochen werden müssen!) Statt dessen wurde die Leistung wieder angehoben, um den Versuch durchzuführen. Durch Ausfahren der Regelstäbe
gelingt es, die Reaktorleistung auf etwa 7 % anzuheben.00.43 Uhr: Etwa 40 Minuten vor Versuchsbeginn wird ein wichtiges Signal, welches bei Einleitung des Versuchs zu einer automatischen Notabschaltung des
Reaktors geführt hätte, unwirksam gemacht (!!!), um den Versuch eventuell wiederholen zu können. 01.00 Uhr: Dem Operateur gelingt es, den Reaktor auf ca. 7 % der Nennleistung zu stabilisieren. (In diesem Leistungsbereich hätte der Reaktor nicht
betrieben werden dürfen. Für den weiteren Ablauf von großer Bedeutung ist, dass der notwendige Spielraum zur Abschaltung des Reaktors wegen der vielen ausgefahrenen Regelstäbe nicht mehr vorhanden war. 01.03 Uhr: Jedem Kühlkreislauf werden gemäß Versuchsablauf die vier zugehörigen Pumpen zugeschaltet. Dadurch werden zur Stabilisierung der Leistung
die Regelstäbe noch weiter herausgefahren. Die Reaktivitätsreserve sinkt weiter. Druck und Wasserspiegel in den relevanten Reaktorkomponenten schwanken heftig, die Anlage befindet sich in einem äußerst
instabilen Zustand.01.19 Uhr: Der Operateur erhöht die Wasserzufuhr und überbrückt Warnsignale zum Stand von ”Wasserspiegel” und ”Druck”, die zu einer Abschaltung
geführt hätten. (Diese Vorgehensweise war laut Betriebsanleitung damals nicht verboten!)01.22 Uhr: Durch verschiedene Maßnahmen erreicht der Operateur, dass die Wasserzufuhr wieder auf zwei Drittel des notwendigen Wertes ansteigt. Die
Regelung gestaltet sich sehr schwierig, da das Regelsystem nicht für derartige kleine Durchsätze ausgelegt ist. Kurze Zeit später stabilisiert sich die Wasserzufuhr. (Dennoch wäre zu diesem Zeitpunkt wegen
der fehlenden Reaktivitätsreserve und der vielen ausgefahrenen Regelstäbe das sofortige Abschalten des Reaktors erforderlich gewesen.)
01.23 Uhr: Der vorgesehene Test beginnt mit dem Schließen der Turbinenschnellschlußventile. Durch den steigenden Druck wird eine Gruppe der automatischen Regelstäbe ausgefahren. Die Verringerung des Durchsatzes und die Erwärmung des Wasser verursachen eine positive Reaktivitätszufuhr, die man dadurch zu kompensieren versucht, dass man zwei (von insgesamt drei) Gruppen der automatischen Regelstäbe wieder einfährt.
Etwa 30 Sekunden nach Testbeginn steigt die Leistung weiter an. Das automatische Regelsystem kann die Leistungssteigerung nicht verhindern. 36 Sekunden nach Testbeginn gibt der Schichtleiter den Auftrag, den Reaktor abzuschalten. Der Notschalter wird betätigt. Sekunden später erfolgen Alarmmeldungen über hohe Reaktorleistung und unkontrolliertem Leistungsanstieg. Innerhalb von rund vier Sekunden schaukelt sich die Energieabgabe auf nahezu das 100fache der Nennleistung des Reaktors auf. Das Schnellabschaltsystem der Steuerstäbe dagegen benötigt für das Wirksamwerden 18-20 Sekunden. Außerhalb des Reaktorgebäudes werden zu diesem Zeitpunkt von Augenzeugen zwei Explosionen mit Materialauswurf beobachtet. Sie erfolgen im Abstand von 2 bis 3 Sekunden und führen zu starken Beschädigungen am Gebäude. Die Blöcke 1 und 2 lässt man weiter in Betrieb und schaltet sie erst am 27. April ab.Weiträumige Kontamination und StrahlenexpositionAus dem beschädigten Reaktor wurden in den ersten zehn Tagen nach dem Unfall große Mengen an radioaktiven Stoffen freigesetzt. Durch den Auftrieb gelangten sie in Höhen über 1.500 m und wurden großflächig verteilt. Aufgrund der damals bestehenden Wetterverhältnisse nahm die radioaktive Wolke verschiedene Richtungen. Besonders betroffen waren die Ukraine, Weißrußland und Rußland. Außerhalb der damaligen UdSSR wurden insbesondere Gebiete in Skandinavien, Deutschland und Teilen des Balkans belastet.Die größten Strahlenbelastungen erlitten in den ersten Wochen nach dem Unfall Feuerwehrleute, Betriebsmannschaften und sog. ”Liquidatoren”, von denen über 600.000 eingesetzt wurden. Die besonders stark belastete Region um Tschernobyl wurde im Umkreis von 30 km in drei behördlich kontrollierte Zonen aufgeteilt. Für die Gebiete, die zwischen 30 und 500 km von Tschernobyl entfernt liegen, entwickelten die örtlichen Behörden ein Schutzkonzept für die betroffene Bevölkerung.Welche Folgen die Strahlenbelastungen für die ”Liquidatoren” und die besonders betroffenen Teile der Bevölkerung haben werden, ist schwer abzuschätzen, da auftretende Krankheiten häufig auch auf unzureichende medizinische Versorgung und die Ernährungssituation zurückzuführen sind. Fest steht, dass die Schilddrüsenbelastungen mehrerer tausend ”Tschernobyl-Kinder” in den ersten Tagen nach dem Unfall viel zu niedrig eingeschätzt wurden. Über die Zahl der Todesopfer aus dem Unfall insgesamt werden sehr unterschiedliche Angaben gemacht. Sachliche Ermittlungen hierzu wurden häufig von meist unsinnigen Zahlenangaben aufgrund von ”Schätzungen” oder ”Befürchtungen” überdeckt. Der Transport freigesetzter Schadstoffe wird durch die Strömungen bestimmt, die sich aus der großräumigen Luftdruckverteilung, den Windverhältnissen und den Niederschlägen ergeben. In den ersten Tagen wehte der Wind in Richtung Norden und Nordwest. Am 30. April schwenkte die Windrichtung nach Süden und Osten. In der Zeit vom 26. April bis zum 30. Mai fiel in der Unfallregion kein starker Niederschlag, da Regenwolken, die sich in diese Richtung bewegten, künstlich vorzeitig abgeregnet wurden. Insgesamt ergab sich dadurch eine komplexe Situation des atmosphärischen Transports der radioaktiven Stoffe und ihrer Ablagerung am Boden.Erhebliche Strahlenbelastung der sog. ”Liquidatoren”Es ist offenkundig, dass die Mitglieder der Betriebsmannschaften und die Feuerwehrleute, die sich zum Zeitpunkt des Unfalls bzw. unmittelbar danach im Reaktorblock aufhielten, die größten Strahlenbelastungen erhielten. Insgesamt wurden über 600.000 sog. ”Liquidatoren” eingesetzt, darunter etwa 300.000 Armeeangehörige. Von diesem Personenkreis erhielten etwa 900 in den ersten Wochen nach dem Unfall, bei den Aufräumungs- und Dekontaminierungsarbeiten Strahlenbelastungen oberhalb des offiziellen behördlichen Richtwertes von damals 500 mSv. Insbesondere die Mitglieder der Betriebsmannschaft und die Feuerwehrleute erlitten bei dem Unfall schwere, zum Teil tödliche Strahlenschäden. Im April 1995 veröffentlichte der ukrainische Gesundheitsminister Serdjuk eine Statistik, wonach seit dem Unfall 6.000 der ”Liquidatoren” an den Strahlenfolgen verstorben seien. Eine Überprüfung dieser Abschätzung erwies sich als schwierig, da weder die Gesamtzahl der ”Liquidatoren” in der Ukraine noch ihre Altersverteilung bekannt sind. Ob die angegebene Zahl über der normalerweise zu erwartenden Sterberate liegt, ist daher ungewiss. Es gibt aber Hinweise - vor allem aus Russland - dass aufgrund großer psychischer Belastungen Selbstmorde unter den ”Liquidatoren” häufiger wurden. Wenn solche zusätzlichen Todesfälle auch nicht direkt durch Strahlung verursacht wurden, so sind sie doch dem großen Umfang der Folgen des Reaktorunglücks mit seinen Auswirkungen auf die Lebensbedingungen zuzuschreiben.Unterstellt man zum Vergleich deutsche Sterbestatistiken, dann ergibt sich für eine Gruppe von 600.000 Männern im Alter zwischen 25 und 35 Jahren eine Zahl von 7.680 Sterbefällen.Folgen für die BevölkerungVon der Strahlenbelastung her gesehen war und ist die großflächige Cäsium-kontamination das Hauptproblem. Jod spielte wegen des relativ schnellen Zerfalls nur in den ersten Wochen eine Rolle, Strontium wurde in sehr viel geringerem Umfang freigesetzt und hauptsächlich in der näheren Umgebung abgelagert. Eine Fläche von mehr als 10.000 km2 , die sich über weite Teile der Ukraine, Russlands und Weißrusslands erstreckt, wurde mit mehr als 550 kBq/m2 Cäsium - teilweise sogar mit mehr als 1.500 kBq/m2 - schwer belastet. 21.000 km2 weisen Cäsiumkontaminationen zwischen 150 und 550 kBq/m2 auf. Aus den am stärksten belasteten Gebieten sind bis heute weitere 80.000 Menschen evakuiert worden, und es ist unklar, wie viele noch folgen werden.Die Behörden erklärten alle Gebiete mit einer Cäsiumkontamination zwischen 550 und 1.500 kBq/m2 zu Zonen ständiger Kontrolle. In diesen ist u.a. der Verbrauch von landwirtschaftlichen Produkten aus dieser Zone eingeschränkt. Zonen über 1.500 kBq/m2 dürfen auf Dauer nicht bewohnt werden.Anfang 1995 lebten in diesen beiden Zonen noch etwa 270.000 Personen, ein Drittel davon Kinder. 2,2 Mio. Menschen in Weißrußland und etwa 1,5 Mio. in der Ukraine leben in Gebieten mit mehr als 40 kBq/m2 , der sog. ”Zone gelegentlicher Kontrollen”.Die Strahlenbelastung der etwa 45.000 Bewohner von Pripyat betrug nach sowjetischen Schätzungen durchschnittlich etwa 30 mSv, bei den ”Liquidatoren” etwa 100 mSv. Die 24.000 erst später evakuierten Menschen aus dem 15 km-Radius um den Reaktor dürften allerdings eine mittlere Dosis von etwa 450 mSv erhalten haben. In der weiteren Umgebung des Reaktors, zwischen 15 km und der Grenze der jetzigen 30 km-Sperrzone, soll die Strahlenbelastung damals bei etwa 50 mSv gelegen haben.Bewertung der StrahlenbelastungenDie Strahlenbelastungen durch den Unfall waren in der 30 km-Zone nach Einschätzung westlicher Strahlenmediziner insgesamt nicht so hoch, um akute Schäden auszulösen. Strahlenbedingte akute und chronische Schäden (Haarausfall, Schäden des Immunsystems und des Blutbildes sowie Mißbildungen) traten allerdings besonders bei den 24.000 erst später evakuierten Personen aus dem 15 km-Radius und bei den ”Liquidatoren” auf, bei denen die Belastung über den angegebenen Mittelwerten lag.Über Medien verbreitete Meldungen, die bereits heute zunehmende bösartige Krebsneubildungen bei diesen Personengruppen aufzeigen, sind weitgehend spekulativ und können derzeit allenfalls bei Leukämie (besonders bei Kindern) und im Sonderfall bei Schilddrüsenkrebs bei Kindern zutreffen. In allen anderen Fällen sind derartige Effekte eher damit zu erklären, daß man erst nach dem Unfall und insbesondere in den betroffenen Gebieten mit einer brauchbaren Krebsstatistik begann, während vor dem Unfall Krebs als Todesursache in vielen Fällen überhaupt nicht registriert wurde. Für konkrete Erkenntnisse fehlt also eine zuverlässige Vergleichsgrundlage.Nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Strahlenmediziner ist es unter diesen Randbedingungen zweifelhaft, ob Krebs und Leukämie in diesem Personenkreis in Zukunft überhaupt statistisch erfaßbar sein werden. Eine solche Erhöhung wäre für alle Krebsarten (außer Leukämie) wegen der langen Latenzzeiten frühestens nach dem Jahr 2000 feststellbar. Für die Umsiedlung oder den Verbleib der über 270.000 Menschen in den zwischen 30 km und teilweise über 500 km von Tschernobyl entfernt liegenden Zonen haben die Behörden ein ”350 mSv-Konzept” aufgestellt. Durch administrative Maßnahmen soll die Strahlenbelastung der Bevölkerung so begrenzt werden, daß diese während der gesamten Lebenszeit den Wert von 350 mSv nicht überschreitet. Da Cäsium in erheblichem Umfang zur äußeren Strahlenbelastung beiträgt, führt das für die Bevölkerung auch zu Aufenthaltsbeschränkungen im Freien. Nach Berechnung der Vereinten Nationen kann dieses Konzept in den Zonen ständiger Kontrolle voraussichtlich eingehalten werden. Neueste Risikoschätzungen gehen davon aus, daß die Belastung von 350 mSv das derzeitige Krebsrisiko in der betroffenen Bevölkerung zusätzlich um etwa 2% erhöht. In den Zonen ständiger Kontrolle stellte man einen Anstieg der Missbildungsrate und der Zahl an Erkrankungen fest, die - nach heutigem Kenntnisstand der Medizin - nicht durch die Strahlung verursacht wurden. Dazu zählen Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzkranzgefäßerkrankungen, Diabetis, Nervenkrankheiten, chronische Erkrankungen der Atemwege und des Im-munsystems und besonders bei Kindern Entzündungen des Mund-Rachen-und Nasenbereichs sowie der Augen. Angesichts der durchgeführten Ganz-körpermessungen an den betroffenen Personen, die relativ niedrige erhaltene Belastungen von 50 bis 100 mSv bestätigten, kann die Strahlenbelastung nicht die Ursache dieser Erkrankungen sein. Ihr Zusammenhang mit dem Unfall ist jedoch unzweifelhaft. Die Ursachen für den Anstieg der Erkrankungs-und Sterblichkeitsrate sehen die Mediziner in einseitiger, vitaminarmer Ernährung mangels ausreichender Versorgung mit nicht kontaminierten Le-bensmitteln, vor allem aber in starkem psychischem und sozialem Streß.Man kennt die Auswirkungen von Angst, Unsicherheit und Verzweiflung auf die Gesundheit auch von anderen, nichtnuklearen Katastrophen. Fehlende und unglaubwürdige Informationen über die Situation, das Gefühl, von den Behörden im Stich gelassen zu werden, das fehlende Vertrauen in die Kontrolle und damit letztlich in die Durchführbarkeit und die Wirksamkeit der angeordneten Maßnahmen sowie die zahlreichen Einschränkungen im täglichen Leben (beispielsweise sind die Kinder weitgehend in Wohnungen eingesperrt) werten die Mediziner als wesentliche Auslöser dieser Ängste und als Basis dieser Krankheiten. Es wird befürchtet, daß die psychosozialen Folgen des Unfalls, die bislang von den Behörden viel zu wenig beachtet wurden, unter Umständen mehr Opfer fordern als die eigentlichen Strahlenbelastungen. Ein Sonderfall sind Kinder mit erhöhten Raten an Schilddrüsenkrebs aus der näheren und weiteren Umgebung des Reaktors. Wahrscheinlich wegen lückenhafter, unsicherer und teilweise auch falscher Messungen der Jodemissionen in den ersten Tagen nach dem Unfall ist bei mehreren tausend Kindern die Schilddrüsenbelastung viel zu niedrig geschätzt worden. Die Strahlung wird bei diesen Kindern als wesentliche Ursache für die starke Erhöhung der Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle angesehen. Der Schilddrüsenkrebs zählt zu den einigermaßen behandelbaren Krebsformen. Die langfristige Heilungsquote liegt bei 90 bis 95 % und selbst im Spätstadium noch bei 80 %.Falschmeldungen über Strahlentote in der UkraineFür die Beurteilung der Folgen des Unfalls müssen den oft völlig abwegigen Zahlenangaben einzelner Massenmedien die bisher bekannten Fakten gegenübergestellt werden. Das Spektrum reicht von offensichtlich unsinnigen ”Schätzungen” oder ”Befürchtungen” von Opfern im Millionenbereich bis hin zu der von den sowjetischen Behörden nach dem Unfall angegebenen offiziellen Zahl von 31 Opfern, darunter 26 Strahlentoten. Zu den Motiven für abwegige Zahlenangaben gehören u.a. Bestrebungen, möglichst viel internationale Hilfe in die betroffenen Gebiete zu lenken; Dienstleistungen, Geräte und Studien zu verkaufen sowie Hochrechnungen auf der Basis fragwürdiger Hypothesen über die Wirkungen sehr kleiner Strahlendosen. Häufig entstehen sie aber auch durch einfache Unwissenheit, sicher nicht selten auch durch das ”Nachplappern von Falschmeldungen in Massenmedien". In einer Strahlenschutzzeitschrift wurde kürzlich als ”Kompromiß” zwischen den unterschiedlichen Angaben eine Zahl von 20.000 ”vorgeschlagen”.
Westliche Mediziner legten folgenden Vergleich vor: In der Bundesrepublik ist die Sterberate etwas höher als 1 % pro Jahr. Nimmt man für die wahrscheinlich etwas jüngere Bevölkerung der Ukraine die geringere Sterberate von etwa 0,9 % an, so kann man erwarten, daß in der Zeit von 1988 bis 1994 jährlich etwa 20.000 Todesfälle, insgesamt also 140.000 zu erwarten sind. Die vom ukrainischen Gesundheitsministeriums angegebene Zahl von 125.000 kann also nicht als Hinweis auf erhöhte Sterblichkeit durch Strahlenbelastung angesehen werden. Einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet, der Münchner Strahlenbiologe Prof. Dr. A. M. Kellerer, bemerkte hierzu: ”Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind - auch ohne die behaupteten Erhöhungen der Krebsraten - schlimm genug, man kann ihnen nur mit nüchternem Urteil begegnen.”